Härte 10 - Abenteuer in Marokko


Testfahrt in Marokko, hieß es im Herbst bei der Firma Boom. Neuentwickelte Fahrgestelle wie die neue Gitterrohr-Sporthinterachse und Fahrwerks-komponenten mußten einem Härtetest unterzogen werden. Vier Trikes sollen Tausende von Kilometer über kaum als solche zu erkennende Teerstraßen und Wüstenpisten geprügelt werden. Die Begeisterung für das Unternehmen ist groß, kann sich doch kaum jemand vorstellen, was es bedeutet, Tagesetappen von bis zu 500 Kilometern in Marokko zurückzulegen.

Wie auch immer, ein Team für die Test- und Begleitfahrzeuge wird schnell zusammengestellt. Etwas mehr Aufwand fordert die Vorbereitung, das Zusammenstellen von Ersatzteilen und Ausrüstung. Zum Glück gibt es die Weihnachtsfeiertage. Sie fallen ausnahmsweise für die Teilnehmer weniger christlich aus. Es muss gepackt werden.

Der Transport der Trikes bis an die Südküste von Spanien erfolgt auf Anhängern. Autobahnen fordern Fahrwerke wenig, dafür aber die Fahrer. Und die sollen sich ihre Kräfte für Marokko bewahren. Über Tanger reist das Team problemlos nach Marokko ein. Alle Formalitäten waren schon nach 30 Minuten erledigt.

Noch auf den ersten Kilometern wähnen sich alle auf einer Urlaubsfahrt: Blauer Himmel, angenehme Temperaturen, alles easy. Das ändert sich jedoch schlagartig mit Erreichen des Rif-Gebirges auf dem Weg nach Ketama. Die Straße - kann man diese Unregelmäßigkeit von Teerbelag, Bodenwellen, Buckeln und Schlaglöchern überhaupt Straße nennen - fordert von den Fahrern höchste Konzentration. Enge Kurven schlängeln sich an steilen Abhängen entlang. Links begrenzt der Berg die oft einspurige Straße, rechts würde man bodenlos 300 Meter nach unten fallen. Eine Begrenzung gibt es nicht.
In den Hochlagen sinken die Temperaturen und an den Nordhängen in geschützter Lage liegt zudem noch stellenweise Schnee. Manchmal ist nicht zu erkennen, ob nur der Straßenbelag die Farbe wechselt oder sich Eis auf der Straße befindet. Ein paar mehr oder minder gefährliche Ausrutscher mahnen uns zu erhöhter Vorsicht.

Entfernungen unterschätzt man schnell in Marokko. Diese erste Etappe zeigt uns, dass 350 Kilometer eben nicht locker an einem Tag zu fahren sind, vor allem nicht bei diesen Straßenverhältnissen.
Erst bei Dunkelheit erreichen wir die Königsstadt Fes. Für einen Bummel in der Altstadt bleibt am nächsten Tag kaum Zeit. Die noch kurz vor Start von Koni gelieferten Stoßdämpfer haben zu lange Federn eingebaut, so dass die Hinterräder der Trikes einen Sturz nach außen aufweisen. Mit viel Improvisationsgeschick und Flex werden bei allen Dämpfern die Federn gekürzt, so dass die Federn wenigstens einigermaßen gerade stehen. Erst gegen Mittag können wir zur zweiten Etappe aufbrechen. Es ist die Etappe der Hochebenen, der Monotonie, des Geradeausfahrens, wo die Straße scheinbar keinen Anfang und kein Ende hat.

Wüstenspiele
Erfoud, die letzte Bastion der Zivilisation. Ein heimischer Führer wird uns in die Wüste begleiten. Zu groß ist das Risiko, hier einer Piste zu folgen, die irgendwo im Niemandsland endet. Abrupt endet die Teerstraße und vor uns liegt eine weite, mit Steinen übersäte Ebene. Vorsichtig wagen sich Bus und Trikes auf die Piste. Der feste Untergrund abseits der Piste scheint für die Trikes wie geschaffen und bald rasen die Dreiräder mit voller Geschwindigkeit über das Plateau. Ohne Rücksicht auf das Material kauern die Fahrer in den Sitzen und drehen den Gasgriff bis zum Anschlag. Bald sind die Fahrzeuge nur noch an den langen Staubfahnen zu erkennen. Querrinnen oder Wellblech nehmen die Trikes scheinbar mühelos und sogar Sprünge über Absätze verkraften die Fahrwerke problemlos. Das Begleitfahrzeug hat hier wesentlich größere Schwierigkeiten.

Bald können wir die großen Sanddünen von Merzouga erkennen und voller Euphorie folgt das erste Trike einem imaginären Weg in den Sand. Schön hört man, wie der Motor plötzlich schwer arbeitet, zurückgeschaltet wird und dann stirbt das Motorengeräusch. Bis zu den Achsen sitzt das Trike im Sand. Mit vereinten Kräften drehen wir es um 180 Grad. In der eigenen Spur bekommen wir es dann mit Schiebehilfe wieder auf festen Untergrund. Auch der zweite Dünenversuch geht schief. Wieder gräbt sich das Trike bis zu den Achsen ein. Die Reifen schaufeln nur Sand.

Auf einer sehr schlechten Piste fahren wir bis zur Ortschaft Merzouga. Dort schlagen wir unser Wüstencamp auf. Wir kaufen bei einem Händler Holz für ein Lagerfeuer. Abends leisten uns zwei Tuaregs Gesellschaft und bringen uns frischen Pfefferminztee. In der Nähe des Feuers bemerkt man kaum, wie die Nachttemperatur sich immer mehr dem Nullpunkt nähert und schließlich noch tiefer sinkt. Am Morgen sind unsere Wasservorräte eingefroren. Kein Wunder bei einer Nachttemperatur von minus 10 Grad. Heißer Kaffee und der Abbau des Lagers weckt die Lebensgeister. Wir folgen der Piste bis Rissani, fahren zurück nach Erfoud und wenden uns dann westwärts. Das Etappenziel heißt Quarzazate.

Die Wetterlage und die Straßenbedingungen im hohen Atlas sind ungewiss und wir bekommen über die Befahrbarkeit des über 2000 Meter hohen Passes Tiz`N Tichka unterschiedliche Auskünfte. Wir wollen zwar das Material testen nicht aber Menschenleben riskieren. Die Eisplatten im RifGebirge hatten uns einen bitteren Vorgeschmack gegeben, wie gefährlich Marokko im Januar sein kann. Wir planen um. Marrakesch wollen wir erst später und vor allem über eine sichere Straße erreichen. Wir nehmen den direkten Weg nach Agadir und wollen uns dort einen Tag Erholungspause gönnen, zudem müssen die Trikes überprüft werden.
Bereits seit zwei Tagen ölen an zwei Trikes die Getriebe. Beim dritten Trike rutscht die Kupplung und lässt auf einen defekten Simmering am Motor schließen. Nach eingehender Beratung unterlassen wir die Reparatur vorerst und beschränken uns auf ausgiebige Wartungsdienste.

Achsenbruch und Motorwechsel
Die Straße bis TanTan ist in relativ gutem Zustand und wir kommen zügig vorwärts. An den Steigungen des AntiAtlas rächt sich jetzt die unterlassene Reparatur des blauen FamilyTrikes. Die Kupplung rutscht immer mehr durch und das Trike kommt kaum die Anhöhen hinauf. In TanTan bleibt uns nichts anderes mehr übrig: Wir müssen den Motor wechseln. Nach zwei Stunden ist das erfahrene MechanikerTeam fertig. Froh wird auch der Besitzer eines nahegelegenen Cafes sein. Er musste in den zwei Stunden etwa 30 Cafe au Lait, 5 Pfefferminztees und 3 Tagine für insgesamt 9 Personen machen. Er war in den zwei Stunden mehr als beschäftigt. Die Reparaturzeit nutzt ein weiteres Team für das Beladen der Trikes mit Ballast. Die Vorgabe lautete: Test bis zum Bruch  und wenn die Trikes jenseits von Gut und Böse beladen werden. Wir füllen geduldig Sandsäcke und verzurren sie auf den Trikes.

Durch die Reparatur haben wir Zeit verloren. Dennoch wollen wir bis zum Etappenziel Layounne fahren. Allen ist klar, dass das nur durch eine gefährliche Nachtetappe erreicht werden kann. Durch die vielen Polizeikontrollen werden wir noch mehr aufgehalten. Es dämmert bereits und es liegen noch über 200 Kilometer vor uns. Die wenig anspruchsvolle Strecke wirkt ermüdend. Entgegenkommende Fahrzeuge sind schlecht beleuchtet und weichen manchmal auf der nur zwei Meter breiten Straße keinen Millimeter aus. Die Trikes werden abgedrängt und die Fahrer müssen im Blindflug auf einen ausreichend breiten, befestigten Straßenrand vertrauen.

Layounne, die aufstrebende Stadt im Süden verlassen wir am nächsten Tag in Richtung Smara. Wir wähnen uns schon im Paradies. Eine neue Straße führt wie gebügelt gen Osten und lässt Geschwindigkeiten in Autobahnrichtgeschwindigkeit zu. Die Freude ist nur von kurzer Dauer. Nach 20 Kilometern bietet nur noch die alte Buckelstraße ein Vorwärtskommen. Hatten wir die Straßen im Rif in schlechter Erinnerung, so müssen wir nun alle Vorstellungen über den Haufen werfen. Was hier auf uns wartet, ist kaum zu beschreiben. Aber die Trikes dürfen nicht geschont werden und werden mit unerbittlicher Härte über die Piste getrieben. Die Stoßdämpfer leisten Schwerstarbeit. Durch den aufgeladenen Sand wird das zulässige Gesamtgewicht der Trikes weit überschritten, insbesondere das blaue Family hat unter der schwersten Last zu leiden. Ständig erschüttern harte Stöße das Fahrwerk bis an die Grenzen. Die Stoßdämpfer knallen bis zum Anschlag durch. Es ist eine Tortour für Mensch und Maschine. Ein PulserTest bei einer TÜVPrüfstelle ist dagegen ein Kinderspiel.

Wie lange können die Fahrwerke bei solchen Geschwindigkeiten und mit solchen Gewichten die Belastung überstehen? Auf die Antwort müssen wir nicht lange warten. Nach etwa 30 Kilometern steht das blaue Family einsam in der Wüste. Zuerst glaubt die Mannschaft im Bus nur, dass wieder einmal der Benzinverbrauch unterschätzt wurde und der Tank leer ist. Aber bald folgt die Erkenntnis, dass tatsächlich der linke Schräglenker angebrochen ist. Es folgt eine mühsame Stunde des Schraubens in der Wüste. Mittlerweile ist Wind aufgekommen. Feiner Sand erschwert das Atmen und Staubböen rauben die Sicht.
Durch die erschwerten Wetterbedingungen vergessen wir eine Sichtkontrolle des rechten Schräglenkers. Bald sind die Trikes wieder auf der Piste. Das Begleitfahrzeug zockelt hinterher. Nach kaum 10 Kilometern steht das blaue Family wieder einsam in der Wüste. Photostopp? Benzintank leer? Wir glauben an einen Scherz, als Armin der Fahrer, uns die Hiobsbotschaft mitteilt, dass nun der andere Querlenker gebrochen sei. Aber es ist die bittere Wahrheit und eine weitere Stunde des Schraubens bringt unseren Zeitplan für diese Etappe gehörig durcheinander. Nachdem nun mehr als deutliche Ergebnisse vorliegen, werden alle Trikes entladen und von ihren schweren Sandlasten befreit.

Bei Sonnenuntergang nähern wir uns Smara. Die Stadt in der Wüste bietet für uns abenteuerhungrige Triker kaum Interessantes und so beschließen wir eine weitere Nachtfahrt, um das Etappenziel TanTan zu erreichen. Die Straße bis TanTan soll in besserem Zustand sein und so hoffen wir die 200 Kilometer in etwa zwei bis drei Stunden zurückzulegen.

"Heute läuft alles super! Noch kein Defekt." Diesen Satz am Straßenrand irgendwo zwischen TanTan und Agadir hätten wir uns sparen sollen. "He, was läuft da aus dem bunten Family?" Der Benzintank hat an der Schweißnaht einen langen Riss. Alle Ideen zu einer Notreparatur verwerfen wir wieder. Wir wollen die Abschleppvorrichtung einsetzen, die wir für solche Notfälle entwickelt und mitgenommen haben. Wir pumpen das restliche Benzin in einen Reservekanister, montieren die Abschleppvorrichtung und hoffen, dass dies nun der letzte Defekt war. Und tatsächlich, der Konvoi schafft die Strecke bis Agadir ohne weitere Komplikationen, abgesehen davon, dass noch Regen einsetzt und die Straße in eine gefährliche Schlitterbahn verwandelt.
In Agadir lassen wir dann am nächsten Tag den Tank schweißen und führen an den Fahrzeugen die üblichen Kontrollen und Wartungsarbeiten durch. Der Ruhetag ist auch dringend nötig. Zu anstrengend waren die letzten beiden Tage mit den Nachtfahrten.

Über eine Nebenstraße am Rande des Hohen Atlas erreichen wir nach einer gemütlichen Tagesetappe Marrakesch. Die Perle des Südens wird die Stadt auch genannt. Bilderbuchmarokko oder Touristenhochburg? Wie auch immer, der Djemma el Fna, der Platz der Geköpften, übt noch immer eine große Faszination aus, auch wenn die Märchenerzähler, die Gaukler und Artisten oder die vielen Stände, an denen man von Orangensaft bis Kesselfleisch alles bekommt, was der Magen begehrt, auf feste, nummerierte Plätze verwiesen sind. Es sind die Gegensätze in Marrakesch, die man hier hautnah erleben kann und die einen großen Teil der Faszination dieser Stadt ausmachen. Nomaden aus der Wüste neben kamerabehängten Touristen, Bettler neben elegant gekleideten Marokkanern, Eselskarren neben nagelneuen Audis. Wir genießen im Cafe France das allabendliche Schauspiel. Immerhin war die heutige Etappe weitgehend pannenfrei. Um die Trikes bildet sich mittlerweile eine riesige Menschenmenge. Neugierig geworden, gehen immer mehr Menschen auf die Ansammlung zu, drängen von hinten und schieben die vorderen ohne Rücksicht nach vorn. Die Trikes sind zwischen Menschen regelrecht eingekeilt. Wir können den Platz nicht mehr verlassen. Zum Glück wird die Polizei auf das Treiben aufmerksam. Die staatliche Autorität schafft es, für uns eine Gasse frei zu machen, so dass wir vom Platz fahren können.

Auch Casablanca erreichen wir am nächsten Tag ohne weiteren Defekt. Wir glauben schon, dass nun das Glück auf unserer Seite ist. In Tanger scheint sich diese Annahme zu bestätigen. Die nächste Fähre würde in knapp einer Stunde ablegen. Wir kaufen Tickets und .... das blaue Family springt nicht an. Basteln oder Abschleppvorrichtung? Alles würde zu lange dauern. Wir müssen noch alle Ausreiseformalitäten erledigen. Kurzerhand fährt der Bus hinter das Trike und schiebt es Stoßstange an Motorschutzbügel durch die Hafenanlage zur Zollabfertigung. Der komische Konvoi erregt Aufsehen. Kaum angekommen, werden wir von einigen Schleppern umringt. Unsere Forderung ist einfach: Es gibt Geld für die Hilfe, wenn wir noch das Schiff erreichen. Es klingt wie ein Wunder, aber nach 30 Minuten sind alle Formalitäten erledigt und der Elektrowurm am blauen Family wieder behoben. Ein Zöllner vergisst seine Pflichten, als wir ihm ein TShirt schenken. Bald stehen wir auf der Fähre und beobachten, wie die Sonne über Tanger dem Horizont zustrebt. Eine eigenartige Stille herrscht im Team. Alle hängen ihren Gedanken nach. Niemandem ist anzusehen, ob er an Reparaturen, endlose Wüstenpisten, einsame Hochebenen oder den beeindruckenden Sternenhimmel in der Wüste denkt. Obwohl wir alle auf der gleichen Route unterwegs waren, so werden die einzelnen Erlebnisse und Eindrücke bei jedem einen unterschiedlichen Stellenwert haben.

Nur eines dürfte für alle gleich sein: Die Testfahrt in Marokko war trotz der Anstrengung und der teils gefährlichen Situationen ein unvergessliches Erlebnis.